<a href="/de/">Arbeitsgruppe Rinderanspannung</a>

Zugrindertreffen der AG Rinderanspannung bei Arne Oppermann

Fachwerkhäuser in Dassel

Obwohl ein ebenfalls sehr gelungenes Treffen im Herbst bei Matthes Höwer nicht lange her ist, wollten wir unbedingt wieder unser reguläres Februar-Jahrestreffen machen.

Etwa 28 Teilnehmer der Zugrinder-AG trafen sich deshalb am Samstag den 4.2.23 im schönen Solling, in Dassel, 40km nordwestlich von Göttingen, am Sonntag waren es dann 40 Teilnehmer. Gastgeber war diesmal Familie Oppermann mit dem Ochsen Victor. Mit Kaffee, Kuchen und Snacks wurden wir empfangen und auch das Wetter war uns gnädig: obwohl es vorher tagelang geregnet hatte, ließ sich die Sonne ab und zu blicken, dazu gab es sogar Jahreszeit gemäß etwas Schnee. Eine besondere Attraktion auf dem kleinen Haflingergestüt der Familie ist der Kolkrabe Karl: Arne hat ihn vor vielen Jahren übernommen und versorgt seitdem das kluge Tier in einer großen Voliere. Alle Vergesellschaftungsversuche sind leider missglückt, so daß Karl alleine lebt. Es fordert viel Zeit von Arne, Karl mit kleinen Aufgaben und Spielchen zu beschäftigen.

Gemischtes Doppel

 

 

Arne Oppermann arbeitet einspännig mit seinem 8-jährigen Fleckvieh-Ochsen im Wald und auf einem kleinen Gemüsefeld. Dazu nutzt er eine selbstgebaute, dem Hackemore und optisch dem „Glücksrad“ ähnliche, gebisslose Zäumung. Er spannt Victor aber auch mit seinem Süddeutschen Kaltblut zusammen an und fährt die beiden auf hohem Niveau mit Leinen von hinten. Eine Kostprobe davon gab es am Samstagnachmittag bereits auf dem Sandplatz des Haflinger-Zuchtbetriebes der Familie.

Naturpark und Hutewald Solling

Besuch im Hutewald

Nachmittags hat uns Arne eine Führung durch den Hutewald Solling organisiert. Mit ca. 30 Exmoorponys und 40 Heckrindern werden etwa 230ha Wald mit einem geringen Weidenanteil gepflegt. Das Hutewald-Projekt ist eine Zusammenarbeit des Naturpark Solling-Vogler mit den Niedersächsischen Landesforsten und besteht bereits seit dem Jahr 2000. Zunächst wurden Konikponys eingesetzt, die sich allerdings teilweise aggressiv gegen Besucher und Mitarbeiter verhielten und zudem durch Schälen der jungen Stämme und Verbiss viel Schaden anrichteten. Mit den umgänglichen Exmoorponys hat sich das grundlegend geändert. Obwohl die Wege für Besucher offen durch das Gelände führen, gab es noch nie einen Unfall, weder mit den Heckrindern, noch mit den Ponys. Letztere werden im Winter mit Stroh, die Rinder auch mit Heu zugefüttert. Alle Exmoorstuten werden im Herdbuch geführt, es wird mit 2 gekörten Hengsten gearbeitet und eine Körkommission aus Schottland kommt jährlich, um die Zuchtarbeit zu überprüfen. Männliche Ponys werden mit 8-9 Monaten kastriert, männliche Heckrinder im selben Alter von der Herde getrennt und mit etwa 3 Jahren auf der Weide getötet. Das Rindfleisch wird anschließend regional vermarktet.

Hutewald Solling
Heckrinder

Teil des Waldes ist ein historisch erhaltener Eichen-Hutewald, in welchem die teilweise 250 Jahre alten Eichen entsprechend weit auseinander stehen, sowie neu angelegte Flächen. Hier werden Eichen nach altem Hutewald-Konzept in 9X9m Abstand entweder gepflanzt, oder im gleichen Abstand die Naturverjüngung vor Verbiss geschützt.

Im Mittelalter wurde der Hutewald vielfältig durch Mensch und Tier genutzt: Rinder, Schafe, Schweine und Ziegen wurden im Sommer im Wald gehütet, um die guten Wiesen für Heu als Winterfutter mähen zu können. Mensch und Tier verwendeten Eicheln, Nüsse, Bucheckern und Beeren als Nahrung, die Nutztiere ernährten sich auch vom Aufwuchs zwischen den Bäumen, von jungen Trieben, Wurzeln und Laub. Im Herbst herabgefallenes Laub wurde als Einstreu gesammelt. Die Rinde wurde zum Dachdecken und als Gerbstoff, das Holz als Bauholz und zum Heizen und Kochen verwendet. Dabei wurden die Wälder mit viel zu hohem Tierbesatz so stark übernutzt, dass im 19.Jahrhundert ein Verbot des Hütens nötig wurde um die Wälder zu schützen. Heute versucht man durch schonendere Nutzung mit großen Weidetieren eine Balance zwischen Nutzung und Pflege zu finden, auch um die Biodiversität zu fördern. So frisst das Mausohr gerne die Mistkäfer, die im Wald besonders gut auf dem Mist der großen Weidetiere gedeihen. Durch die Auflichtung des Waldes durch die Ponys und Rinder kommt Licht und Wärme auf den Boden. Dadurch entstehen kleine Biotope für selten gewordene, wärmeliebende Pflanzen und Insekten. Vorbild ist dabei nicht nur der mittelalterliche Hutewald: vor der Ausrottung von Wildpferd und Auerochse hatten diese die Landschaft bereits mitgestaltet. Beeindruckend fand ich besonders, wie die Ponys im tiefen Laub regelrecht „rüsselten“ um nach Wurzeln, Eicheln und jungen Trieben zu suchen. Holger Schwerdtfeger vom Naturpark Solling berichtete uns von beeindruckender Naturverjüngung in vom Borkenkäfern vernichteten ehemaligen Fichtenbeständen: Dort trieben 150 Jahre alte Eicheln aus nachdem der Boden durch die Tiere verletzt wurde und Licht an den Boden drang. Wer mehr über das Projekt erfahren will, dem seien folgenden Links empfohlen:
https://www.landesforsten.de/erleben/unsere-naturtalente/hutewald-solling/
und
https://www.landesforsten.de/erleben/unsere-naturtalente/hutewald-solling/hutewald/hutewald-projekt/

Methan und Wiederkäuer

Ein sehr aufschlussreicher Vortrag zum Thema Methan-Ausstoß von Rindern und wie man ihn vermeiden kann eröffnete den gemütlichen Teil am Abend im Gastraum des Hotels.

Dr. Martin Hünerberg von der Uni Göttingen legte uns in seinem detaillierten Vortrag die Entstehung von Methan im Pansen dar und zeigte auch eventuelle Möglichkeiten zur Reduktion auf. Mit einem Anteil von 10-25% an der Methan-Produktion stehen Wiederkäuer ziemlich weit vorn auf der weltweiten Liste der Methan-Quellen. Dabei sind in den angenommenen 25% auch wildlebende Wiederkäuer wie Rehe, Giraffen usw. enthalten, während bei den 10% die Nutzwiederkäuer allein gerechnet wurden. Nur Sümpfe und Moore sowie der Nass-Reisanbau sind für mehr Methan verantwortlich. Im Pansen produzieren nicht etwa, wie oft angenommen Bakterien das Methan, sondern eng mit Bakterien und Protozoen vergesellschaftete sog. Archaeen. Sie machen nur etwa 4% der Biomasse im Pansen aus. Je Kuh und Tag entstehen etwa 200-500g Methan. Zwar darf aus physiologischen Gründen die Methan-Herstellung nicht komplett unterbunden werden. Durch folgende Maßnahmen wäre es aber möglich, sie zu reduzieren: Zucht auf reduzierte Methanproduktion im Pansen, Einsparung von Ressourcen durch höhere Lebensleistung, geringere Aufzuchtdauer, bessere Grundfutterqualität, Einsatz von Viren, die nur Archaeen befallen, Impfung gegen Methanogene oder der Einsatz von chemischen oder natürlichen Futterzusatzstoffen wie z.B. 500g Oregano je Kuh und Tag. Versuche mit Kräutern, die in Weidemischungen verwendet werden könnten, sind bereits auf dem Weg. Bereits zugelassen ist auch ein chemischer Futterzusatzstoff mit dem Namen Nitooxypropanol, der die Methan-Produktion im Pansen bis zu 30% reduzieren soll.

archäologisches Fundstück

Archäologie

Anna Bauer aus Wien zeigte uns den Nachbau eines in der Schweiz bei Neufchatel gefundenen Objektes, welches von Archäologen zunächst als Packsattel interpretiert wurde. Sie wollte von uns wissen, ob es als solcher plausibel wäre. Tatsächlich hatte ein Teilnehmer in Indien etwas Ähnliches auf Zebus als Packsattel schon einmal gesehen - die Spur wird weiterverfolgt!

Rinderverhalten

Anne Wiltafsky zeigte anhand verschiedener Bilder Mimik und Körpersprache von Rindern. Vielen ist die gesenkte Kopfhaltung mit weit geöffneten Augen und Nasenlöchern als Drohhaltung bekannt. Erweitert wird sie durch zeigen der Breitseite und „Großmachen“. Auch die weite Öffnung der Augen allgemein bei positiver oder auch negativer Erregung kennen viele, die mit Rindern zu tun haben. Weniger bekannt ist die Faltenbildung an Kopf, Hals und bis zur Schulter die sich bei Angst oder Sorge dort am Körper zeigt von wo das Problem kommt. Auch das zusammengezogene Flotzmaul, fast wie beim Saugen am Euter oder, vermenschlicht, wie ein „Kussmund“, mit einem senkrechten Grübchen in der Mitte vermittelt vielen „Rinder-Leuten“ vielleicht intuitiv einen positiven Eindruck. Wenn man es aber einmal bewusst wahrgenommen hat, kann man es auf vielen Rinder-Fotos wiedererkennen, auf denen man bisher den Blick des Rindes in die Kamera ohne es erklären zu können als freundlich wahrgenommen hat. Wichtig zu wissen auch, dass eine freundliche Annäherung an ein Rind eher schräg von der Seite in Richtung Schulter erfolgen sollte, denn eine frontale Annäherung fordert heraus: entweder zum sozialen Hornen oder auch zum Kampf.

Leinenarbeit

Wie bringt man einem bisher Strick führigen Rind bei, vor einem her zu laufen und auf die Leinen zu reagieren? Wie hänge ich das erste Mal etwas an das Geschirr, obwohl Rinder auch Fluchttiere sind und eine Verfolgung ihrer Hinterbeine eigentlich eher fürchten? Astrid Masson zeigte mit kleinen Filmchen und Bildern die ersten Schritte junger Tiere in der Ausbildung und auch ein paar Bilder ihrer Arbeit mit Grubber und Kartoffelhäufler im Gemüse- und Kartoffelanbau.

Goofy

Mirko Zimmermann vom Museumsdorf Volksdorf in Hamburg berichtete über ein dortiges Schulprojekt mit hohem Lerneffekt und enttäuschendem Ausgang: eine 8.Klasse hatte ein neugeborenes, männliches Braunvieh-Kalb vor der Kälbermast gerettet. Im Museumsdorf war man bereit, ein Projekt mit einem guten Rinderleben für das Tier und der Schlachtung und Verwertung nach 2 Jahren zusammen mit den Schülern durchzuführen. Die Kinder lernten den Alltag des Tieres kennen, halfen bei der Pflege und lernten in den 2 Jahren vieles über Rinder-Produktion, Transport, Schlachtung usw.. Dann bekam eine Tierschutzorganisation Wind von dem Projekt und startete eine Kampagne gegen Museum und Schule, mit Shitstorm, Drohungen gegen Schüler und Mitarbeiter des Museums und aufdringlicher Presse vor Schule und Museum. Um die Jugendlichen zu schützen wurde gegen den ursprünglichen Plan der Schüler beschlossen, den Ochsen zum Zugrind auszubilden. Inzwischen landete Goofy auf einem Gnadenhof für Rinder. Selbst dieser Betrieb wird noch angefeindet. Ein sehr mutiges Konzept des Museums und tapfere, engagierte Schüler, die trotz allem viel gelernt haben - auch über unsere aggressive, entfremdete Gesellschaft.

Aufruf zum Mitmachen

Karl Wilhelm Becker, GEH- Mitglied, Züchter von Rotem Höhenvieh und aktiver Zugrinder-Nutzer, lud junge Leute ein, bei ihm gern auch mehrere Tage bei der Arbeit mit den Rindern zu helfen und dabei etwas zu lernen. Er bildet seine Tiere vorwiegend für Auftritte bei Umzügen, Hochzeiten oder sonstigen Veranstaltungen aus, bei denen er immer auch etwas zu Anspannung und der früheren Nutzung von Zugrindern vermittelt.

Warten auf die nächste Vorführung

Holzrücken und Transportarbeiten

Am Sonntag Vormittag trafen wir uns wie gewohnt zum Praxisteil:

Familie Döring spannte die Ochsen Bubi und Ben vor den kleinen Leiterwagen, um Forstpflug und Teilnehmer, die nicht so gut zu Fuß waren, in den Wald zu „karren“. Arne Oppermann demonstrierte mit Ochse Victor das schonende Vorrücken des Holzes zwischen den Ernteschneisen durch Zugtiere bis an die Polterstellen oder Waldwege, wo es von Harvestern oder LKWs abgeholt werden kann. Außerdem zeigte er uns mit seinem Forstpflug die Bodenverwundung für die Naturverjüngung oder Saat von Bäumen. Der Erfinder bzw. Konstrukteur des Pfluges heißt Ernst Linnebach und hatte Arne freundlicherweise seine Pläne zum Nachbau überlassen.

Verena und der Zirkus

Tricks und Reiten

Verena Heine zeigte mit ihrem 9jährigen Holstein-Ochsen und der 8-jährigen Limousin-Kuh Sophia Zirkuslektionen und Tricks. Das besteigen eines Podestes ließ den riesigen Ochsen noch größer erscheinen; mit einem Kosakenhang mit Überschlag und einem Spagat unter der auf dem Podest stehenden Kuh zeigte Verena ihr akrobatisches Geschick und das gegenseitige Vertrauen zwischen Mensch und Kuh. Am Ende übten Verena und Anne zusammen mit dem Ochsen die Anfänge des Geritten-Werdens. Nur wenn er die Last vertrauensvoll trägt, kann die Reiterin sicher auf dem großen Tier reiten.

Gemischtes Doppel

 

 

Wie immer war es eine familiäre, freundliche Stimmung zwischen alten und jungen, neuen und langjährigen Teilnehmern.

Vielen Dank an die Familie Oppermann, die das Treffen so gastfreundlich und vielfältig vorbereitet hat! Es gibt auch schon Gerüchte, wer der Gastgeber des Treffens im nächsten Jahr im Februar sein könnte. Aber Gerüchte veröffentlicht man ja nicht in der Zeitung… Wer sich für den Termin oder weitere Veranstaltungen interessiert, dem empfehle ich die Website der Zugrinder-AG:

http://www.zugrinder.de/