Zugrindertreffen 2026 mit Zugeignungsprüfung für Rinder
Wir Zugrinderleute sind eine winzige aber wachsende Minderheit in der ohnehin schon kleinen Gruppe der Europäischen Zugtiernutzer. Aber es gibt seit ca. 30 Jahren die Zugrinder-AG. Wir sind ein loser Verbund von Menschen, die diese Kulturtechnik ausüben oder sich dafür interessieren. Die meisten von uns kommen aus Deutschland, einige auch aus Österreich, der Schweiz oder Frankreich. Jedes Jahr findet ein zweitägiges Treffen an einem Wochenende im Februar auf einem Hof mit Spannkühen, Zugochsen oder -bullen statt.
Dieses Jahr am 14. Und 15. Februar waren Mirko Zimmermann und sein Mann David in Hüttenberg Reiskirchen, nahe Wetzlar, die Gastgeber für knapp 40 Leute – und zwar gegen erhebliche Widerstände! Einige Wochen vor dem Treffen war der Lahn-Dill Kreis zur Blauzungen Restriktionszone (Typ8) ausgerufen worden, was Verhandlungen mit dem Veterinäramt und jede Menge „Papierkram“ nötig machte.Die Ironie dabei: Die Zugeignungsprüfung sollte eigentlich bereits im November 2025 im neu gegründeten Zentrum für Zugrinderforschung und -ausbildung stattfinden und war aus dem gleichen Grund dort bereits verschoben worden. Außerdem regnete es tagelang vor der Veranstaltung, die Bodenverhältnisse waren entsprechend; keine gute Voraussetzung für eine Veranstaltung im Freien. Zuletzt sagte noch die Wirtin extrem kurzfristig ab, bei der für den Abend das Essen und die gegenseitigen Präsentationen geplant waren. Beides fand dann spontan in der Scheune der Zimmermanns statt, die auch für Essen und Trinken sorgten. Trotz allem und gesundheitlicher Probleme schafften die Zimmermanns es, das Treffen zu veranstalten. Vielen Dank dafür!
Traditionell werden an beiden Tagen die Tiere der Gastgeber angespannt, manchmal gibt es auch noch Gastgespanne. Am Samstagabend, nach einem gemeinsamen Essen, präsentieren dann Teilnehmer/Innen Bilder oder Filmchen, Berichte oder Vorträge von ihren Aktivitäten zum Thema Zugrinder, manchmal gibt es auch Fachvorträge von Extern. Das Wichtigste ist das gemeinsame Fachsimpeln und es hat sich auch schon so manche Freundschaft aus den Treffen entwickelt!
Das Besondere an dem diesjährigen Treffen war die gleichzeitige Ausrichtung einer Zugeignungsprüfung! Das verdanken wir neben Mirko und David vor Ort vor allem Claus Kropp, Leiter des Freilichtlabors Lauresham. Er hat ebendort im November 2024 die erste Zugeignungsprüfung seit ca. 80 Jahren veranstaltet. Damit hat er dem kleinen aber merklichen Trend zu der einst so wichtigen und nun fast vergessenen Kulturtechnik einen wichtigen Impuls gegeben. Ziel ist, diese nun jedes Jahr auszurichten.
Die Zugeignungsprüfung ist weder mit den Zugwettbewerben in Spanien oder Amerika zu vergleichen, bei denen es darum geht, eine möglichst schwere Last auf einem Schlitten eine bestimmte Strecke möglichst schnell zu ziehen. Noch ist sie mit den Wettbewerben in Amerika zu vergleichen, bei denen es um verschiedenen Geschicklichkeitsübungen unter bestimmten Bedingungen und Tempi geht.
Bei unserer Zugeignungsprüfung geht es nicht um Gewinner und Verlierer. Es ist eher eine wohlwollende, kollegiale Präsentation der Fähigkeiten von angehenden oder erfahrenen Zugrindern und den Gespannführern. Es bietet die Möglichkeit, sich im Vergleich mit anderen einzuordnen. Das motiviert, vor und für die Prüfung zu üben und auch nach der Prüfung am Ball zu bleibe. Dazu soll man für das angelernte Tier ein Papier in die Hand bekommen, welches dieses z.B. beim Verkauf als solches ausweist.
Da alle 5 teilnehmenden Rinder unter 2 Jahren waren, ging es hier noch nicht um die Zugfestigkeit, sondern vor allem um die Führigkeit der Tiere.
Abgefragt werden sollten die Grundlagen für die spätere Arbeit im Wald oder auf dem Acker, im Festzug oder bei der tiergestützten Therapie, Grundlagen wie: zuverlässiges Losgehen, Anhalten und auch Stehenbleiben, Rechts- und Linkskurven und ein paar Schritte Rückwärts. Der Parkour bestand aus 5 Stationen:
- Eine Slalomstrecke aus 5 Hütchen plus Start und Ziel
- Ein Tor, welches geöffnet, durchschritten und wieder geschlossen werden sollte
- Eine 20cm hohe Stange, die überstiegen werden musste
- Ein aus Stangen gelegtes „L“, welches geordnet durchschritten werden sollte mit kombinierter Nachahmung einer Gabel/Schere in Form von hochgelegten Stangen, in die das Tier hineingeführt wird und kurz stehen bleibt
- Eine Anbindestelle, an welcher ein Kummet aufgelegt und wieder abgenommen wird
- Die Begegnung mit einem großen, fahrenden und hupenden Traktor, bei der das Tier handhabbar bleiben sollte.
Die Stationen verlangten ein vertrauensvolles Folgen und dirigieren lassen in alle Richtungen, Anhalten und ruhiges Stehenbleiben, „Rangieren“ und „Einparken“, sowie entspanntes Anschirren.
Es wurde nicht vorgegeben, ob die Tiere am Halfter geführt, mit Leinen von hinten gefahren oder nach der Nordamerikanischen Methode ohne Zäumung, nur durch Stimme, Körpersprache und Gertenzeichen dirigiert werden. Wichtig ist nur, dass die die alltagsnahen Situationen gemeistert werden.
Die drei Richter/Innen bestanden aus der Tierärztin Dr. Elke Treitinger, die auch die Gesundheitsprüfung der Rinder übernahm, Mitbegründer der Zugrinder AG Jörg Bremond, sowie Anne Wiltafsky, Fachfrau für Rinderverhalten und -ausbildung, die während der Prüfung moderierte. Alle drei haben oder hatten selbst Rindergespanne.
Die Art von Anne Wiltafskys Moderation und Bewertung machte sehr gut deutlich, worum es hier vor allem ging: positiv bewertet wurden vor allem eine gute Mensch-Tier Beziehung, die Beachtung von Tierwohl und Sicherheit und ein harmonisches Zusammenspiel von Mensch und Tier auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen und Respekt.
Um es vorweg zu nehmen: alle 5 Tiere bestanden die Prüfung. Interessant waren allerdings die Unterschiede in der Herangehensweise - sowohl der Tiere als auch der Menschen an die Stationen:
Die eineinhalbjährige Rote Höhenviehfärse Lisa Marie vermisste offensichtlich ihre zuhause gebliebene Partnerin, mit der sie sonst immer zusammenarbeitet. Trotz ihrer Rufe und ihrer sichtbaren Nervosität folgte sie dem erfahrenen Karl Wilhelm Becker, der sie routiniert durch alle Hindernisse führte. Claus Kropp absolvierte mit viel Lob durch Stimme und Kraulen nacheinander den Parcours mit zwei sehr entspannten einjährigen Original Allgäuer Braunviehochsen. Doc und Marty folgten ihm jeweils vertrauensvoll und warteten nach jeder Aufgabe geradezu auf das lobende Kraulen. Markus Wintrich führte ebenfalls nacheinander zwei gut eineinhalbjährige und sehr gut entwickelte Vogesenfärsen durch die Hindernisse. Er hatte den Ehrgeiz und die Geduld, Onni und Biscuit zumindest streckenweise ohne Strick, nur mit Stimm-, körpersprachlichen und Gertenzeichen durch den Parkour zu führen, was ihm auch sehr gut gelang.
Für uns Zuschauer gab es durch Beobachtung viel zu lernen und anschließend jede Menge zu fachsimpeln. Im Anschluss und auch am nächsten Morgen wurden einige der jungen Tiere noch vor leichte Wagen gespannt.
Nach einem von Mirko und David gezauberten Abendessen gab es noch 3 Beiträge von Teilnehmern. Julia Blumenthal berichtete von ihrer gemeinsamen Reise mit Anne Wiltafsky nach Uganda: Durch Kontakte mit Tillers International und später nochmal beim World-Draft-Cattle-Symposium in Lauresham , hatte Anne den Leiter der „Oxenclinic“ in Uganda Boniface Okumu kennengelernt. Sie hatte einen Zugrinderworkshop dort vereinbart und war zusammen mit Julia nach Norduganda, nahe Gulu geflogen. Julia zeigte uns Bilder von der Reise, von ihrer Arbeit mit den Rindern und den Menschen dort. Besonders beeindruckend war der kleine Film von der dortigen Herstellung amerikanischer Neckjokes, nur mit einer Machete und in rasendem Tempo.
Vor vielen Jahren hatte Tillers International (https://tillersinternational.org) die Oxenclinic zusammen mit Boniface gegründet. Durch die Streichung der Gelder für Internationale Zusammenarbeit in den USA ist es für die Leute in dem Nachkriegsgebiet dort noch schwerer geworden, die Unterstützung für eine bessere Landwirtschaft und Selbstversorgung sicherzustellen und verlorengegangenes Wissen darüber wieder aufzubauen.
Claus Kropp zeigte anschließend eine Reihe Bilder seiner Arbeit mit seinen eigenen Rindern, den Museumstieren und Tieren, die er zur Ausbildung hatte. Darunter befanden sich vor allem Rote Liste Rassen: Allgäuer Original Braunvieh, Hinterwälder, Ansbach Triesdorfer und Rätisches Grauvieh. Er bietet in Lauresham übrigens auch Kurse zur Zugrinderarbeit an (https://kloster-lorsch.de/freilichtlabor/zentrum-fuer-zugrinderforschung-und-ausbildung/).
Anne berichtete später, wie sie Freundschaft mit zwei alleinerziehenden, der Oxenclinic benachbarten Frauen geschlossen hat. Als Folge davon unterstützt sie die Frauen nun: Mit viel eigenem- und einigem Spendengeld wurden 8ha Land gekauft, es wurde ein Netzwerk von alleinerziehenden Frauen mit einem gespendeten Grundkapital dort geschaffen, so dass die Frauen sich zunächst aus den Spenden und später auch gegenseitig Kredite geben können. So können sie sich Existenzen aufbauen und gegenseitig unterstützen. Eine regelmäßige medizinische Versorgung wurde organisiert und mit weiteren Spenden Schulbesuche inklusive Schulessen und Entwurmung der Kinder für die nächsten Monate sichergestellt. Weitere angedachte Projekte sind ein Brunnen, Eventuell ein Sammelbecken für Regenwasser zur Bewässerung in der Dürrezeit und eine langfristige Sicherung des Schulgeldes. Solch privater Landkauf für Landwirt/Innen ist besonders in Zeiten von Landgrabbing (in Uganda vor allem durch China und Indien) wichtig, damit die Menschen sich dort selbst versorgen können – eine Parallele zu Deutschland, wo es auch für Landwirte und solche die es werden wollen immer schwieriger wird, an Land zu kommen, weil Land auf der Erde begrenzt ist und immer mehr zum Spekulationsobjekt für Nicht-Landwirte geworden ist.